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Interpretation von Heinrich Leopold Wagner:
Die Kindermörderin


Textgrundlage: Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin. Ein Trauerspiel. Hrsg. von Jörg-Ulrich Fechner. Stuttgart (Reclam) 1969, bibliographisch ergänzte Ausgabe 1983. – Zitatnachweise werden folgendermaßen angegeben: (32/21) = Seite 32, Zeile 21.


Inhaltsangabe

Die Tragödie Die Kindermörderin von Heinrich Leopold Wagner aus dem Jahre 1776 beschreibt, wie ein bürgerliches Mädchen durch Standesunterschiede und Intrigen des Adels zur Ermordung ihres unehelichen Kindes getrieben wird.

Evchen Humbrecht, Tochter eines Straßburger Metzgers, wird zusammen mit ihrer Mutter von einem Leutnant namens Gröningseck nach einem Ball in ein Bordell geführt. Dort verabreicht Gröningseck der Mutter einen Schlaftrunk, vergewaltigt die Tochter, verspricht ihr, sie zu heiraten, und verlässt bald darauf Straßburg. Eine Intrige seines Freundes Hasenpoth verhindert die rechtzeitige Verwirklichung der Heiratspläne. Das Mädchen bringt ein Kind zur Welt, tötet es aus Verzweiflung mit einer Nadel und wird am Ende, als die Intrige aufgedeckt wird und Gröningseck zurückkommt, als Kindermörderin verhaftet.

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Fortlaufender Kommentar

Im 1. Akt führt Leutnant Gröningseck Evchen und ihre Mutter nachts nach einem Fastnachtsball in ein „Wirtshaus“ (5/2), bei dem es sich jedoch in Wirklichkeit um ein Bordell handelt (68/37). Evchen ist noch nie auf einem Ball gewesen, da ihr Vater sie bisher nie aus dem Haus hat gehen lassen (12/20f.). Damit wird bereits auf den Charakter des Vaters vorgegriffen, der im 2. Akt deutlicher dargestellt wird. Dennoch gefällt Evchen der Ball (12/16). Ihre Unerfahrenheit zeigt sich auch darin, dass sie den Punsch nicht kennt (13/1f.), womit sich wie bei der Mutter (13/3) die kleinbürgerliche Herkunft verrät. Frau Humbrechts Verhalten und ihre Sprache zeigen Naivität (z.B. 10/24ff.) und auch Eitelkeit: Sie ist geblendet von der Lebensform der höheren Schichten (z.B. 14/7ff.) und fühlt sich durch das Interesse des Leutnants an Evchen geschmeichelt (12/18, 16/17ff.). Aus diesen Gründen erregt nichts ihren Argwohn, weder die Schäbigkeit der Absteige (6/9–15) noch die zweideutigen Anspielungen des Leutnants (z.B. 7/11ff.). In ihrer Sprache zeigt sich die Neigung, sich Gröningseck anzupassen (z.B. 14/22). Gröningseck selbst tendiert dazu, durch seine Sprache imponieren zu wollen (frz. Wendungen, z.B. 7/7f., 10/22 usw.) und die Besonderheit des eigenen Standes hervorzuheben (14/25ff.). Sein Gespräch mit der Magd Marianel (Frau Humbrecht und Evchen sind in den Nebenraum gegangen) verdeutlicht exemplarisch das lasterhafte Leben des Adels, das auch er offenbar führt: Er hat selbst schon mit Marianel, die sich prostituiert, geschlafen (8/13f.30f.), und auch die Anwendung eines Schlafmittels für die Mutter ist ihm recht (8/33ff.). Bei der Magd, die anfangs zögert, das Schlafmittel in den Punsch zu schütten (9/1ff.), siegt letztlich die Geldgier über moralische Vorbehalte (9/9.14). Ihre Geldgier wird auch später deutlich, wenn es um die Höhe der Rechnung geht (17/4f.); außerdem stiehlt sie Frau Humbrechts Tabaksdose (16/32f.).

Nachdem der Schlaftrunk seine Wirkung gezeigt hat, erweist sich Gröningseck als gewissenloser Verführer. Evchen wehrt sich zunächst gegen seine Annäherungen (16/5f.10ff.), aber Gröningseck folgt der Fliehenden in den Nebenraum und vergewaltigt sie dort (16/16). Als sie wieder zurückkommen, ist Evchen vollkommen in Tränen aufgelöst, weil sie „zur Hure gemacht“ worden ist (17/9). Sie gibt ihrer schlafenden Mutter die Schuld (17/8f.). Gröningseck versucht sie zu beschwichtigen, indem er ihr verspricht, sie zu heiraten (17/36ff.), und zwar in fünf Monaten, wenn er volljährig sein wird. Schwierigkeiten sind jedoch bereits absehbar: Soldaten durften damals nur in Ausnahmefällen heiraten; Zuwiderhandlungen wurden mit schweren Strafen belegt. Evchen nimmt das Angebot jedoch an, da es die einzige Möglichkeit ist, ihre Ehre wiederherzustellen (17–18/40ff.). Um die Vertrauenswürdigkeit des Leutnants zu prüfen, lässt sie ihn versprechen, sie nicht mehr zu küssen, bis er sie zum Traualtar geführt haben wird (18/15ff.). Ihre Sprache am Ende des 1. Aktes zeigt ihre Neigung zur Lektüre sentimentaler Literatur (z.B. 17/19, 18/13ff.).

Der 2. Akt schließt sich zeitlich unmittelbar an den ersten an, wie aus Frau Humbrechts Äußerung gegenüber dem Magister (20/24) hervorgeht. Herr und Frau Humbrecht streiten sich zunächst über den Ballbesuch am Tag zuvor. Humbrecht sieht Prinzipien der bürgerlichen Standesethik bedroht (20/7ff.), worin sich sein Standesbewusstsein dokumentiert. Er zeigt auch patriarchalische Züge (20/1f.); seine Sprache ist durch fast brutal anmutenden Sarkasmus gekennzeichnet (19/24ff.). Frau Humbrecht verteidigt ihren Standpunkt und kritisiert, dass ihr Mann Evchen zu wenig Freiheit lasse (20/3). In den Zügen des Ehepaars Humbrecht sind starke Parallelen zum Ehepaar Miller in Schillers sieben Jahre später geschriebenem Drama Kabale und Liebe zu erkennen.

Der nun auftretende Magister überrascht durch seine sowohl für die Zeit als auch besonders für einen Geistlichen ungewöhnlichen Ansichten: Er sieht in Ballbesuchen an sich nichts Sündliches, sondern nur in den Umständen, die damit verbunden sind (21/8ff.) – es war damals nichts Ungewöhnliches, dass durch Bälle mehr oder weniger ungewollte Schwangerschaften entstanden. Auch der Magister selbst hat schon einmal einen Ball besucht (22/35ff.). Sein Aufwand an scholastischer Spitzfindigkeit, der in keinem Verhältnis zum angesprochenen Problem steht (z.B. 21/8ff.24ff.), lässt sich jedoch als unfreiwillige Satire auf den Wissenschaftsjargon seiner Zeit deuten. Nach diesen Mitteilungen des Magisters wird Humbrecht an der Institution Kirche irre (22–23/40ff.), und er verlässt das Haus: Er ist noch „von der alten Welt“ (23/8f.).

Gröningseck, der jetzt ins Haus kommt, begegnet dem Magister zunächst geringschätzig, da er als Adliger offenbar nichts von der Geistlichkeit hält (24/8.14ff.20f., 27/22), wird dann aber aufmerksam, als er von der „Ballerfahrung“ des Magisters hört und feststellt, dass dieser nicht seinem Vorurteil von einem Geistlichen entspricht (25/3ff.). Wagner kontrastiert hier die Figuren Humbrecht und Gröningseck: Humbrechts Meinung über die Geistlichkeit wendet sich vom Positiven zum Negativen, Gröningsecks Einstellung vom Negativen zum Positiven. Der Magister legt dann seine seine revolutionären Gedanken über Pädagogik und Erziehung dar. (25/39f. zeigt, dass man wegen solcher neuen Denkweisen verfolgt werden konnte, was dem Magister durchaus bewusst ist.) Er ist der Auffassung, dass es weniger „übertriebene Zeloten“ und „Religionsspötter“ gäbe, wenn die Geistlichkeit ihrem Recht auf Vergnügungen nicht entsagte (25/12ff.), und dass man Jugendliche in alle Stätten des Lasters und in Lazarette und Krankenhäuser führen müsse, um ihnen für ihr ganzes Leben einen Ekel und Abscheu vor dem Laster und seinen Folgen einzugeben (26/23ff.38ff., 27/4ff.). Diese an Rousseau erinnernden pädagogischen und kirchenreformerischen Ideen lassen den Magister als Sprachrohr sowohl des Autors, der die bürgerliche Moral vertritt, als auch der gesamten Epoche des Sturm und Drang, deren Literatur sich gegen Lasterhaftigkeit, vor allem des Adels, richtete, erscheinen. Die Diskussion über Tugend und Moral spielte allgemein im 18. Jahrhundert eine große Rolle. Gröningseck schließt nun sogar Freundschaft mit dem Magister (27/15ff.).

Danach tritt Evchen auf; ihr Verhalten gegenüber Gröningseck zeigt deutliche Reserviertheit (27/33ff.), dennoch gelingt es ihr, den Leutnant noch einmal auf sein Versprechen hinzuweisen (28/8f.). Frau Humbrecht beklagt den Verlust ihrer Tabaksdose, womit das spätere Erscheinen des Fausthammers im 5. Akt glaubhaft vorbereitet wird.

Am Ende des 2. Aktes kommt Humbrecht zurück und berichtet wutentbrannt, dass ein ebenfalls in seinem Haus lebendes Mädchen von einem Sergeanten schwanger sei und hinausgeworfen werden solle (29/33ff.). Hier ist klar die Parallele zwischen Evchen und diesem Mädchen zu erkennen: Humbrecht würde auch mit Evchen so verfahren, wenn er von ihrer Schwangerschaft erführe (vgl. hierzu auch 62/25ff.). Evchen glaubt auch zunachst, sie sei gemeint, und bittet ihren Vater um Gnade (30/14). Die Haltung des Vaters schwenkt dann von unverhohlener Brutalität zu herzlicher Zuneigung um (30/34ff.), was besonders charakteristisch für ihn ist. Evchen kann also im Grunde kein Zutrauen zu ihm fassen, da sie wegen seiner häufigen Wutausbrüche Angst vor ihm haben muss.

Zwischen dem 2. und dem 3. Akt vergeht eine Zeitspanne von vier bis fünf Monaten (32/13f.). Gröningsecks Freund, Leutnant Hasenpoth, überlegt, warum dieser sich in letzter Zeit ins Haus zurückgezogen hat und nicht mehr seinen Vergnügungen nachgeht (32/5ff.). Hasenpoth kann diesem Leben nichts Positives abgewinnen: Er verkörpert den typischen Soldaten, der ein leichtes Leben führt (vgl. z.B. seine Einstellung zu Frauen: 35/3ff.18ff.). Er hat auch die Vergewaltigung Evchens geplant (33/3ff.). An Gröningseck hingegen hat sich eine überraschende Wandlung zum Tugendbold vollzogen: Er nennt Evchen einen Engel (34/18) und bereut seine Tat (34/15ff.22ff. usw.).

Der nun auftretende Magister, den Hasenpoth „Schwarzkittel“ nennt (33/34), womit er (wie anfangs Gröningseck) seine Verachtung der Geistlichkeit dokumentiert, berichtet, dass Evchen ganz in Melancholie versunken sei (36–37/39ff.) und sich mit Youngs Nachtgedanken beschäftige. Dies entspricht genau ihrer Seelenlage: Das genannte Werk nimmt aus einer pessimistischen Lebensstimmung heraus Zuflucht zu christlicher Haltung und Jenseitserwartung.

Anschließend erscheint Major Lindsthal, um Gröningseck die lang erwartete Urlaubserlaubnis zu geben (38/29ff.). Es wird deutlich, dass Gröningseck die zunächst angegebene Frist von fünf Monaten bis zur Hochzeit (17/36ff.) nicht wird einhalten können. Der Major erzählt den Anwesenden dann eine Begebenheit, die er tags zuvor erlebt hat: Er wurde Zeuge, wie ein Leutnant in einem Café einem Karten spielenden Offizier zu seinem Recht verhalf, indem er seinen Mitspieler des Falschspiels überführte (39–40/40ff.). Mit Glücksspiel und Betrug wird hier ein weiterer Bestandteil soldatischen Lebens dargestellt. Der genannte Leutnant werde, so der Major, nun seinen Dienst quittieren müssen (41/10); er habe durch sein Handeln die ganze Kompanie gegen sich und müsste sich, um seine Ehre zu retten, mit der ganzen Kompanie duellieren (41/30ff.), da die Ehre höher geachtet werde als das Leben (42/26f.). Hier wird wieder der Gegensatz zwischen bürgerlicher und adliger Welt deutlich: Während die Bürgerlichen der Obrigkeit im Allgemeinen untertan sind, schrecken die Adligen nicht vor Gesetzesbrüchen zurück (Duelle sind verboten), um nur ihre Ehre zu behalten. Außerdem stellt der Autor die Doppelwertigkeit der adligen Ehre dar: Sie kann nur durch das Duell wiederhergestellt werden; die Todesstrafe aber, die den Duellanten erwartet, gilt nicht als Schande. Den gerechtigkeitsliebenden Magister befremdet solches Denken: Er weist darauf hin, dass auch Soldaten Untertanen des Königs sind und somit seinen Gesetzen unterstehen (41/39ff.). Das erkennt der Major zwar vorgeblich an, aber die persönliche Ehre hält er dennoch für wichtiger (42/3ff.).

Daher wird auch der Vorsatz Hasenpoths, den er am Ende des 3. Aktes fasst, verständlich: Als er von der geplanten Heirat zwischen Gröningseck und Evchen erfährt (44/14), beschließt er, dagegen zu intrigieren (45/19ff.), um seinen Freund vor der Schande einer Mesalliance (unstandesgemäßen Ehe) zu bewahren. Eine Beziehung zu einem bürgerlichen Mädchen hat er schon vorher als „wider allen esprit de corps“ bezeichnet (33/32). Und nach einer Heirat mit Evchen befände sich Gröningseck in der gleichen Lage wie der Leutnant in der Geschichte des Majors: Seine Kommandanten würden ihn peinlich meiden. Dass Evchen bereits von Gröningseck schwanger ist (44/7), beachtet Hasenpoth gar nicht; er räumt der Soldatenehre einen höheren Stellenwert ein als der Menschlichkeit.

Der 4. Akt folgt zeitlich höchstwahrscheinlich unmittelbar auf den dritten (52/4f.). Frau Humbrecht versucht, von Evchen den Grund für ihre Melancholie zu erfahren. Evchen hat ihr zwar versprochen, „das ewige Geächz und Gekrächz zu unterlassen“ (46/2ff.), wie sie es auch Gröningseck versprochen hat (18/5ff.), aber es gelingt ihr nicht. Ihre Mutter führt dies darauf zurück, dass Evchen kein Zutrauen mehr zu ihren Eltern habe (46/14ff.). Sie merkt jedoch nicht, dass in ihrer Familie überhaupt der Zusammenhalt fehlt: Der Vater stellt durch seine Brutalität und seinen beißenden Spott keine Vertrauensperson dar, und sie selbst kann durch ihre Naivität und die Streitereien mit ihrem Mann nur schlecht mütterliche Zuwendung vermitteln. Evchen lebt in der ständigen Angst, ihren Eltern durch ihren „Fehltritt“ Schande zu bereiten, daher weigert sie sich, den Grund für ihre Melancholie zu nennen; sie vertröstet ihre Mutter auf unbestimmte Zeit („nur auf ein Weilchen“, 47/24f.). In Wirklichkeit wartet sie auf die Einlösung des Versprechens Gröningsecks. Ihre Äußerungen zeigen jedoch, dass sie auch bereits mit der anderen Möglichkeit rechnet (47/25f.28.36ff.).

Humbrecht, der dann erscheint, bietet wieder das gewohnte Bild: Aggression und unverhohlener Sarkasmus in der Sprache (48/12ff.18f.). Er hält es in seiner bürgerlichen Derbheit für unangebracht, mit seiner Tochter in einem sanfteren Ton zu sprechen (48/29ff.); dass Evchen Angst vor ihm haben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn (48/22ff.).

Nachdem Evchens Eltern gegangen sind, tritt Gröningseck auf, um von ihr Abschied zu nehmen, da er nach Hause reisen will (50/32f.). Evchen ist zunächst befremdet, verletzt doch der Zeitpunkt des Besuchs (Mitternacht, 50/6) ihre Vorstellungen von Anstand (50/25ff.). In diesem Akt tritt dann aber doch zutage, dass sie Gröningseck schon seit ihrer ersten Begegnung liebt (51/18ff.); aber ihr schlechtes Gewissen lässt es nicht zu, ihr Leben wie gewohnt weiterzuführen (51/23ff.). Gröningseck will sie küssen (51/26ff.), doch sie beharrt auf dem Versprechen, das er ihr gegeben hat (18/15ff.). Die Tugend, in diesem Falle die Einhaltung eines Versprechens, achtet sie höher als das Verlangen des Augenblicks (51/35ff.). Außerdem muss sie fürchten, dass Gröningseck, wenn er dieses Versprechen nicht hält, auch das Heiratsversprechen nicht einlösen wird (51/38f.). Gröningseck veranschlagt zwei Monate für seine Reise, so lange soll Evchen sich noch gedulden (52/4f.). Evchen versucht noch ein letztes Mal, ihn zur Einhaltung seines Versprechens zu zwingen, indem sie an seine Liebe und Menschlichkeit appelliert. Sie würde im Falle eines Meineids Gröningsecks aus dem elterlichen Haus fliehen und die Wildnis aufsuchen, um sich und ihr Kind, dem sie zuvor die Worte „Hure“ und „Meineid“ beigebracht hätte, umzubringen (52–53/24ff.). Das scheint bei Gröningseck Wirkung zu zeigen (53/5ff.11ff.). Nachdem er sie noch einmal gebeten hat, ihre ganze Munterkeit aufzubieten (53/35f.), verabschiedet er sich von ihr (54/32ff.).

Zwischen dem 4. und dem 5. Akt liegt wieder eine Zeitspanne von etwa zwei Monaten (vgl. 55/8). Evchens Ankündigung aus dem 4. Akt (52/24ff.) beginnt sich zu bewahrheiten: Sie flieht aus dem Elternhaus. Der Grund dafür ist ein – wie sie glaubt – von Gröningseck stammender Brief, in dem er die Heirat ablehnt und ihr stattdessen Hasenpoth vorschlägt (55/24ff.). In Wirklichkeit stammt der Brief jedoch von Hasenpoth selbst (was der Leser bzw. Zuschauer an dieser Stelle noch nicht erfährt); dass Gröningseck Evchen noch nie geschrieben hat (43–44/39ff.), war ihm eine willkommene Grundlage für seine Intrige. Er will Evchen nun selbst für sich beanspruchen, aber sicher nicht, um eine feste Beziehung mit ihr anzuknüpfen oder sie gar zu heiraten, sondern nur zu seiner sexuellen Befriedigung. Zu einer wirklichen Liebesbeziehung ist er gar nicht fähig (vgl. 33/29ff., 35/3ff.). Es war damals üblich, dass Soldaten bei Bürgerfamilien logierten; für deren Töchter konnte dies eine große Gefahr darstellen, da die Soldaten sie wegen ihres Heiratsverbots nur als Sexualobjekte sahen (oder sehen konnten). Evchen nimmt dieses „Angebot“ natürlich nicht an, da sie so zur „Allerweltshure“ würde (55/25).

Nachdem sie aus dem Haus geflohen ist (56/6), erscheint der Magister, um Humbrecht etwas Wichtiges mitzuteilen: Evchen sei in der Kirche (den Kirchgang wünschte sich Humbrecht im 4. Akt von ihr [49/11f.]), als der Pfarrer über das siebte Gebot („Du sollst nicht ehebrechen“) gesprochen und nach der Predigt die Verordnung des Königs über Kindermord verlesen habe, ohnmächtig geworden (57/25f.29f.34ff., 58/8ff.22f.25ff.). Daraus zieht der Magister seine (richtigen) Schlüsse (58/36f., 59/8f.), aber sowohl Humbrecht (59/1ff.10ff.) als auch seine Frau (59/25ff., 60/4ff.) wollen dies nicht wahrhaben, da sie es aufgrund ihrer bürgerlichen Moral für unmöglich halten. Doch der Magister hat noch einen weiteren Beleg für seine These in der Hand: einen Brief, der ihm (wieder von Hasenpoth unter Gröningsecks Namen) zugekommen ist und dem zu entnehmen ist, dass Gröningseck Evchen nicht heiraten wolle und sie in der Tat ein Kind erwarte (61/26ff.). Die anfängliche Überzeugtheit Humbrechts und seiner Frau schlägt um; um die Angelegenheit nachzuprüfen, will Humbrecht Evchen holen lassen (62/21f.), die zu diesem Zeitpunkt jedoch längst nicht mehr im Hause ist.

Ein Fausthammer (= Gerichtsknecht) erscheint, um die von Frau Humbrecht „verlorene“ Tabaksdose (vgl. 16/32f., 29/6f.) zu bringen. Humbrecht erkennt in dem Fausthammer den, der einmal ein bettelndes Kind zu Tode geprügelt hat (63/11ff.), ohne dafür bestraft zu werden, und verprügelt nun seinerseits den Fausthammer (63/20f.). Hier offenbart er echte Menschlichkeit und dokumentiert ein weiteres Mal die Widersprüchlichkeit seines Verhaltens, hat er doch kurz zuvor noch gedroht, er werde seiner Tochter die Rippen entzweischlagen, falls die Behauptung des Magisters wahr sei (62/25ff.). Es wird deutlich, dass die Standesethik sein ursprünglich humanes Empfinden wieder teilweise verschüttet hat. Die Derbheit des Fausthammers zeigt sich u.a. in seiner Ausdrucksweise und im Gebrauch des Straßburger Dialekts (z.B. 63/16f.). Dem Magister gilt Untertänigkeit gegenüber der Obrigkeit mehr als persönliche Befriedigung, wie sie sich Humbrecht am Fausthammer verschafft hat (64/9; vgl. auch seine Haltung S. 41–42); er erwartet eine Vergeltung der bösen Taten im Jenseits (64/19f.). Als Humbrecht dann erfährt, dass Evchen nicht mehr da ist (64/24f.) und somit der Magister bestätigt scheint, beschuldigt er seine Frau, Evchen zu viel Freiheit gelassen zu haben (66/14ff., vgl. 20/1ff.). An seiner Äußerung „ich hab euch oft genug von Tugend und Ordnung vorgepredigt“ (66/13f.) sind wieder sowohl seine patriarchalischen Züge als auch seine bürgerlichen Tugendvorstellungen zu erkennen.

Dem dann auftretenden Fiskal gegenüber verhält sich Humbrecht untertänig (67/3ff.), da er eine höhere Gewalt darstellt als der Fausthammer. Durch die nun folgenden Enthüllungen des Fiskals über den „Verlust“ der Dose kommt ans Licht, dass Gröningseck mit Frau Humbrecht und Evchen in einem Bordell war (68/27f.34ff.). Dies entfacht wieder die Wut Humbrechts; er will auf seine Frau „los“ (49/8), wird aber vom Fiskal daran gehindert. Lissel, Evchens Magd, erzählt dann dem Fiskal von Evchens Verschwinden (69–70/39ff.); dieser schickt die Fausthämmer los, sie zu suchen.

Der 6. Akt, der zeitlich wieder zwei Monate nach dem fünften einzuordnen ist, um die unter dem Personenverzeichnis angegebene Handlungsdauer von neun Monaten auszufüllen (4/16f.), spielt wie der 1. Akt im außer- bzw. unterbürgerlichen Milieu, hier im armseligen Zimmer der Lohnwäscherin Frau Marthan. Evchen hat ihr Kind zur Welt gebracht und bei Frau Marthan Zuflucht gefunden. Dass diese, obgleich selbst in großer Armut lebend (71/21ff.), ein schwangeres Mädchen bei sich aufnimmt, zeugt von ihrer Vorurteilslosigkeit (vgl. 72/8f.) und spontanen Menschlichkeit. Hinzu kommt ihre Fähigkeit, zwischen Sein und Scheinen in der Gesellschaft ihrer Zeit zu unterscheiden, wie z.B. die Äußerung belegt, mit der sie die Anrede „Jungfer“ für Evchen rechtfertigt (72/2ff.). Sie will versuchen, Evchen als „Säugamm“ unterzubringen, um ihr einen Lebensunterhalt zu ermöglichen (73/7ff.). Ihre Äußerungen zeigen starkes Gottvertrauen und echte Christlichkeit: Sie verurteilt Evchen nicht wegen ihres „Fehltritts“ (72/8f.), sondern versucht, aus den Gegebenheiten „das Beste zu machen“. Zu Evchens Erbauung schlägt sie ihr vor, im Himmels- und Höllenweg (ein heute unbekanntes pietistisches Gebetbuch) zu lesen (73/18ff.), womit ein krasser Gegensatz zur trivial-sentimentalen Literatur hergestellt wird, die sowohl Evchen als auch Gröningseck zu lesen pflegen (besonders deutlich zu erkennen an ihrer Sprache im 4. Akt).

Evchen macht Frau Marthan glauben, sie habe beim Metzger Humbrecht als Magd gedient (73/37); daraufhin erfährt sie von der Wäscherin, dass Frau Humbrecht, nachdem Evchens Schande stadtbekannt geworden sei und sie sich deswegen in den Fluss gestürzt habe (74/24f.), vor Kummer gestorben sei (77/6ff.). Die Tochter werde möglicherweise als abschreckendes Beispiel durch die Stadt geschleift werden (74/36ff.), wie es einmal mit einem Muttermörder getan worden sei. An diesen Fall erinnert sich Evchen, und sie bringt phantasierend Elemente ihres eigenen Schicksals hinein (75/5ff.11ff.), weshalb sie von Frau Marthan für „närrisch“ (75/16) gehalten wird. Als sie vom Tod ihrer Mutter hört, gesteht Evchen Frau Marthan, die zunächst wieder glaubt, sie sei geistesgestört (77/12ff.), dass sie Humbrechts Tochter sei (77–78/34ff.). Frau Marthan ist bestürzt; sie will sich zunächst für ihre Erzählung des Stadtklatsches entschuldigen (78/14ff.). Evchen schlägt ihr jedoch vor, sich die 100 Taler Belohnung zu verdienen, die Humbrecht für das Auffinden seiner Tochter ausgesetzt hat (77/27ff. u.a.). Frau Marthan gibt dem Drängen Evchens nach und macht sich auf den Weg (79/19ff.).

Die späte Enthüllung der Wahrheit durch Frau Marthan, zusammen mit der Briefintrige Hasenpoths, der von ihr „verschuldeten“, öffentlich bekannten Schande der Familie Humbrecht und der Unfähigkeit, ihr Kind zu ernähren, treibt Evchens Verzweiflung auf die Spitze: In einem Anfall von Raserei oder geistiger Umnachtung tötet sie ihr Kind, indem sie ihm mit einer Nadel in die Schläfe sticht (80/5f.), unmittelbar bevor ihr Vater mit Frau Marthan im Haus erscheint. Sein Verhalten (81/1ff.) ist wieder brutal, seine Sprache sarkastisch und ironisch, vor allem als Frau Marthan ihn zu mehr Sanftheit aufruft (81/7ff.); dennoch ist zu erkennen, dass er Evchen verziehen hat (80/39), zum einen, weil ihm der Magister dazu geraten hat (81/35ff.), zum anderen aber auch aus väterlicher Liebe (81/39f.; Widersprüchlichkeit seines Verhaltens). Als Frau Marthan jedoch das tote Kind sieht, siegt bei ihr die Pflicht gegenüber der Obrigkeit: Sie läuft weg, um den Mord anzuzeigen (81/25ff.).

Der Magister kommt dazu und klärt Evchen und ihren Vater über Hasenpoths Intrige auf: Gröningseck, durch eine Krankheit verhindert, habe nicht früher kommen können, und die Briefe stammten von Hasenpoth (82/25ff.). Gröningseck sei bereits auf dem Weg zu ihr. Für Evchen ist diese Nachricht äußerst hart, trägt sie doch nun die alleinige Schuld am Kindsmord (83/9ff.). Auch ihr Vater ist erschüttert: Seine Frau ist vor Gram gestorben, seine Tochter wird wegen Kindsmordes hingerichtet werden, und die bürgerliche Ehre der Familie ist dahin. Für ihn bleibt nur noch die Möglichkeit, Rattenpulver zu nehmen (83/32f.).

Gröningseck kommt dann selbst und beschließt, als er die Lage überblickt hat, Hasenpoth aus Rache umzubringen (84/7ff.). Der Fiskal erscheint wieder, diesmal um Evchen abzuholen (84/11ff.28ff.). Als Reaktion auf die Ansicht Gröningsecks, der jetzt Selbstrache für seine Pflicht hält (84/16ff.), bringt der Magister noch einmal seine humanen Auffassungen vor: Man solle lieber „die arme Betrogne vom Schavott“ retten, „als Verbrechen mit Verbrechen zu häufen“ (84/25ff.), wie es Gröningseck tun will. Evchen hebt am Ende des Stückes nochmals die todbringende Melancholie hervor (85/4f.: „Sagt ich nicht, Gröningseck! mein Schicksal wäre mit Blut geschrieben?“).

Die Tragödie hat in gewissem Sinne einen offenen Schluss, da die Abführung Evchens nicht mehr dargestellt wird, sondern im Gegenteil Gröningseck noch ankündigt, er werde in Versailles bei der gesetzgebenden Macht um Gnade für Evchen bitten (84/35ff.).

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Zum Autor

Heinrich Leopold Wagner wurde am 19. Februar 1747 als erstes Kind eines Kaufmanns in Straßburg geboren. Nachdem er die niederen und höheren Schulen seiner Vaterstadt absolviert hatte, trat er als Student der Rechte mit dem Kreis um Johann Daniel Salzmann (Goethe, Lenz, Jung-Stilling) in Verbindung und wurde später Mitarbeiter der von Blessig und Salzmann begründeten Wochenzeitschrift Der Bürgerfreund. Die unsichere wirtschaftliche Lage seiner Familie führte Wagner in eine Hofmeisterstelle beim Präsidenten von Günderode in Saarbrücken (1773/74). Seine dortigen Dichtanfänge waren vornehmlich lyrisch und wurden zum Teil im Almanach der deutschen Musen veröffentlicht. Diese Gedichte weisen wie die etwa gleichzeitigen Confiscablen Erzählungen Anklänge an den frühen Wieland und an Jacobi auf. Widmungen an die Fürstenhäuser von Nassau-Saarbrücken und Hessen-Darmstadt lassen auf die Suche nach einer sicheren Lebensanstellung schließen. Nach dem Sturz des Präsidenten von Günderode trat der Hofmeister Wagner mit solchem Eifer bei dem dortigen Fürsten für seinen Arbeitgeber ein, dass er im Mai 1774 auf höchsten Befehl das Land verlassen musste. Über Zweibrücken und Gießen kam er im Frühjahr 1775 nach Frankfurt und schrieb die Werther-Satire Prometheus, Deukalion und seine Recensenten, die Familienszene Der wohlthätige Unbekannte und das Schauspiel Die Reue nach der That. 1776 war Wagner wieder in Straßburg, wo er das Trauerspiel Die Kindermörderin verfasste und am 28. August das juristische Doktorexamen bestand. Zurück in Frankfurt, legte er am 21. September den Advokateneid ab und wurde Bürger der Stadt. Am 7. Oktober heiratete er eine 17 Jahre ältere Witwe. Im Mai 1777 reiste Wagner nach Straßburg und hielt sich in Emmendingen bei Johann Georg Schlosser, Goethes Schwager, auf. Nach dem Tod seiner Frau führte Wagners Schwester den Haushalt. Wagner selbst starb am 4. März 1779 in Frankfurt im Alter von 32 Jahren an Tuberkulose.

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Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte

Wagner schrieb sein Trauerspiel Die Kindermörderin, nachdem ihm Goethe von seinem Faust-Plan (besonders der Gretchen-Tragödie) erzählt hatte, Anfang des Jahres 1776 und verlas es am 18. Juli desselben Jahres unter großem Beifall vor der deutschen Gesellschaft in Straßburg. Das Stück erschien anonym in Leipzig im Druck, die Aufführung wurde aber wegen der „Unanständigkeit“ des Werkes verboten.

Karl Gotthelf Lessing, der jüngere Bruder Gotthold Ephraim Lessings, der die Kindermörderin wie sein Bruder für ein Drama von Jakob Michael Reinhold Lenz hielt, unternahm noch 1776 für die Döbbelin’sche Truppe in Berlin eine Umarbeitung. Der 1. Akt wurde vollständig gestrichen, sein Inhalt nach und nach ins Stück eingeschaltet. Die Szene mit dem Major und den Fausthämmern sowie die Episode mit der verlorenen Tabaksdose strich Lessing ebenfalls; die schlechten Charakterzüge Hasenpoths, den er ohne Angabe von Gründen in Harroth umbenannte, wurden verbessert, da niemand solche Leute auf dem Theater sehen wolle, sondern in Zuchthäusern und Festungen. Sprachlich wurden Alltagssprache und Straßburger Dialektanklänge in „besseres“ Deutsch umgeändert. Doch auch in dieser Form, die Wagner in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen 1777 systematisch kritisierte und verwarf, wurde das Drama nicht für die Aufführung in Berlin freigegeben. Hingegen kam Wagners Originalfassung zur gleichen Zeit im Wahr’schen Theater in Pest und Preßburg zur Darbietung.

Wagner, der inzwischen für die Seyler’sche Truppe in Frankfurt tätig gewesen war, schrieb 1777 sein Stück selbst um, indem er versuchte, „den in der Kindermörderinn behandelten Stoff so zu modificiren, dass er auch in unseren delikaten tugendlallenden Zeiten auf unsrer sogenannten gereinigten Bühne mit Ehren erscheinen dörfte.“ Auch er strich den 1. Akt und fügte dessen Inhalt in zahlreichen Rückgriffen in das Stück ein. Vollkommen geändert wurde der Schluss. Evchen Humbrecht bringt ihr Kind nicht um, sondern ihre Eltern erscheinen bereits kurz vorher im Haus der Frau Marthan und verzeihen ihrer Tochter, die von Gröningseck als Braut heimgeführt wird. Der Titel wurde in Evchen Humbrecht oder Ihr Mütter merkts Euch! umgeändert, womit das Drama zum bürgerlich-sentimentalen Soziallehrstück wurde. In dieser Form durfte es am 4. September 1778 in Frankfurt aufgeführt werden. Die Originalfassung erlebte am 4. September 1904 eine zweite Uraufführung auf der Neuen Freien Volksbühne in Berlin.

1963 fertigte der DDR-Dramatiker Peter Hacks eine weitere Bearbeitung des Stücks an. Dem heutigen Theaterbesucher soll nach Hacks’ marxistischer Überzeugung durch Veränderungen und Ergänzungen die „Existenz von Klassenschranken“ als Grundlage des Dramas ins Bewusstsein gerufen werden. Hacks verwandelt das moralische Elend der Heldin in ein politisches, lässt sie, auf Wagners zweite Fassung zurückgreifend, samt ihrem Kind am Leben und beschließt das Stück mit einem programmatischen Bekenntnis zu einem neuen Leben.

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Zu Struktur und Technik

Wagner stellt in seiner Tragödie vier Sozialbereiche einander gegenüber: den bürgerlichen Bereich (Familie Humbrecht), den religiösen Bereich (Magister), die weltliche Gewalt (Fiskal und Fausthämmer) und den adligen Bereich (die militärische Offiziersschicht).

Der Aufbau des Stücks ist bühnengerecht: Jeder Akt spielt an einem einzigen Ort, sodass kaum Szenenwechsel nötig sind. Die Darstellungsweise ist kräftig und realistisch; Wagner nannte sich selbst einen „konsequenten Naturalisten“ und scheute auch vor einer Bordellszene und der Darstellung eines Kindsmordes auf der Bühne nicht zurück. Auffallend sind die vielen Parallelmotive: Evchens Verführung steht die Verführung der Tochter einer Mieterin gegenüber, die Strafe für Evchens Kindesmord der Straflosigkeit des Fausthammers, die sentimentale Literatur Evchens dem pietistischen Erbauungsbuch der Frau Marthan usw. Mit zahlreichen Vorausdeutungen auf spätere Handlungselemente macht der Autor diese glaubhaft und vermeidet eine Zwischenhandlung auf der Bühne. Bühnenausstattungen werden bis ins Detail beschrieben (besonders auch in der umgearbeiteten Fassung von 1777).

Sprachlich orientiert sich Wagner sehr eng am Handlungsort: Er verwendet Dialekt und geographische Bezeichnungen aus Straßburg. Sein Stück kommt der Alltagssprache der Zeit wahrscheinlich näher als irgendein anderes dramatisches Produkt des Sturm und Drang. Die Personen kann man sprachlich in zwei Gruppen einteilen: Die einen zeichnen sich durch einen durchgängigen Sprachton aus (hierzu gehören Humbrecht, der Magister, Hasenpoth und die Nebengestalten), die anderen wechseln ihn häufig (Frau Humbrecht, Evchen, Gröningseck).

Zu den Personennamen ist zu bemerken, dass sie zum Teil tatsächlich in Straßburg existierten. So gab es einen Bäcker Michel, vor dessen Tür ein Kind zu Tode geprügelt wurde (63/11ff.), einen Metzger Valentin Humbert (von dessen beiden Töchtern jedoch keine einen Kindsmord beging; vgl. auch S. 36, wo Wagner Gröningseck und den Magister irrtümlich von den „Baasen“ in der Mehrzahl sprechen lässt!), und ein Bayernregiment „Royal Bavière“ war zu jener Zeit in Straßburg stationiert (vgl. 62/4). Der Tanzmeister Sauveur (14/23) kommt auch in Goethes Dichtung und Wahrheit vor.

In der Kindermörderin sind häufig stoffliche Anlehnungen an andere zeitgenössische Werke zu finden. Einige davon sollen nachstehend aufgelistet werden:

Meister Humbrecht Kaufmann im Essighändler (Mercier)
Evchen Pamela in Pamela (Richardson)
Hasenpoth Valcour im Déserteur (Mercier)
Fausthämmer Büttel (Shakespeare)
Erziehungsmethoden des Magisters Emile (Rousseau)
Bälle für Mittelklassen, die Schwangerschaften zur Folge haben Nouveau Paris (Mercier)
Schlaftrunk als Mittel zur Verführung Pamela (Richardson)
Intrigante Briefe Clarissa Harlowe (Richardson)
sozialer Unterschied der Sexualpartner Clarissa und Pamela (Richardson)
Gröningsecks Bekehrung zur Tugend Lovelace aus Clarissa, Mr B. aus Pamela, Sir Charles Grandison aus Grandison (Richardson)
Schlaftrunk für die Mutter Faust (Goethe)
Ohnmacht in der Kirche Faust (Goethe)
wörtliche Anklänge Faust (Goethe)

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Zur Intention des Autors

Wagner will mit seiner Tragödie zunächst ganz allgemein zeigen, dass der Mensch in ein soziales Normengefüge eingezwängt ist, das seine existentielle Selbstverwirklichung bedroht (Beispiel: Humbrechts Standesethik verdrängt sein humanes Empfinden; die Standesschranken verhindern eine rechtzeitige Heirat zwischen Gröningseck und Evchen und verursachen so den Kindsmord mit). Der Autor wendet sich damit zum einen an die Obrigkeit mit dem Aufruf zur Abschaffung der Standesschranken. Er kritisiert aber auch die Ungerechtigkeit der Strafen (Evchen wird bestraft, der Fausthammer bleibt straffrei) und schlägt neue pädagogische Ideen vor (Magister). Zudem richtet er sich an den Adel und fordert ihn auf, seinen Lebensstil (Lasterhaftigkeit, Betrug, Intrigen, Doppelmoral usw.) und seine Einstellung gegenüber dem Bürgertum (besonders den bürgerlichen Mädchen) zu ändern. Ein weiterer Aufruf geht an die Kirche, die die reformerischen Ideen des Magisters umsetzen soll. Mit dieser Thematik und Intention zeigt sich Wagner als typischer Vertreter der Epoche des Sturm und Drang.

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© 1988 by Michael Schneider • Letzte Änderung: Samstag, 21. Juli 2007